Reisebericht aus Indien und Nepal

Indien und Nepal war 1989 meine erste große Reise, die mich nur mit Flugticket und Rucksack in ein aussereuropäisches Land (abgesehen von asiatischen Teil der Türkei) führte. Mein Reisebegleiter war mein Freund Arnd. Ziel der Reise war nicht der von uns sogenannte "Erleuchtungstourismus", sprich Liedersingen im Ashram, mit roten Kutten als Pseudosadumönch Touristen anbeteln oder am Strand von Goa bekifft über alles Unheil dieser Welt zu sinnieren, sondern es zog uns in die Berge des Himalaya.

Startpunkt der Reise war New Dehli, eigentlich ein ganz guter Einstieg in das indische Chaos, der Kulturschock fällt nicht so heftig wie beispielsweise in Bombay oder Kalkutta aus. Dennoch, das Elend auf den Strassen mit den zahlreichen zum Teil stark verkrüppelten Bettlern und die Wellblechhütten bleiben einem auch in dieser Stadt nicht vorborgen. Auch der gut auf die Reise vorbereitete Tourist ist schockiert, wenn man das Elend zum ersten Mal live und nicht im Fernsehen sieht. Ein Blick vom "Red Fort", einer der Hauptsehenswürdigkeiten Dehlis, genügte, um einen Eindruck zu bekommen. Für mich unverständlich sind die Touristen, die vom sicheren "Logenplatz" auf der Mauer, Fotos und Videos dieser armen, sichtbar vom "Medieninteresse" nicht begeisterten Menschen in ihren notdürftig zusammengezimmerten Baracken für das heimische Wohnzimmer aufnehmen.

Tal im indischen HimalayaNach ein paar organisatorischen Dingen sind wir dann schnell mit dem Bus Richtung Norden aufgebrochen, Ziel Jammu. Diese Stadt sollte man eigentlich weiträumig umfahren, absolut grauenhaft. Wegen des übermässigen Rattenaufkommens nannten wir sie nur "Rat City". Ein Jahr später habe ich mich in Indonesien mit ein paar Leuten über die übelsten Orte dieser Welt unterhalten, ein Australier sagte sofort auch Jammu, so falsch konnten wir mit unserer Ansicht also nicht liegen.

Also schnell weiter nach Srinagar am Dal-See. Eine traumhafte Gegend, auch wenn man sie zur Zeit wegen der Konflikte in Kaschmir eher nicht besuchen sollte. Wohnen kann man auf kunstvoll geschmückten Hausbooten, das Klima ist mild, erste Erholung dieser Reise.
Problematisch ist ein wenig die Mentalität der Kaschmiries, nicht umsonst heißt ein indischen Sprichwort: "Triffst du einen Kaschmiri und eine Kobra, erschlag zuerst den Kaschmiri". Um es positiv auszudrücken, sind die Einwohner dieser Region sehr geschäftstüchtig. Sie ziehen dich über den Tisch, wie ich es bisher in keinem anderen Land erlebt habe. Aber man gewöhnt sich daran und lernt schnell damit umzugehen.

Nach ein paar Tagen relaxen zog es uns in die Berge. Mit Tütensuppen, Schokolade und Nüssen ausgerüstet ging es los. Brot könnten wir unterwegs bei Hirten kaufen, hieß es, nur haben wir die nächsten fünf Tage keinen einzigen gesehen, so war der Proviant nicht besonders abwechslungsreich. Startpunkt der Wanderung war Sonamarg, in ein paar Stunden gut mit dem Bus zu erreichen.

Markt in KathmanduDie Wanderung dauerte 5 Tage durch eine karge, aber atemberaubende Landschaft. Verlaufen konnte man sich nicht, weil der Weg entlang einer vielbegangenen Pilgerroute zu den Armanath-Caves führte, an der jedes Jahr ein Fest zu Ehren Shivas gefeiert wird. Zu dieser Zeit waren aber keine Pilger unterwegs, genaugenommen haben wir bis auf zwei andere Wanderer, mit denen wir dann gemeinsam weitergezogen sind, kaum jemanden getroffen. Für einen Europäer ein völlig neues Gefühl
Vor dieser Höhle saß ein nur mit Lendenschurz bekleideter Mönch, der dieses Heiligtum, eine Art Phallussymbol aus Eis, "bewachte". In Anbetracht der Höhe und der Temperaturen für uns kaum vorstellbar, aber er war guter Dinge und zeigte uns alles. Zur Besichtigung mußten wir unsere Schuhe ausziehen, barfuß auf dem eisigen Untergrund, da dachten wir schnell an Erkältung und schlimmeres und so verabschiedeten wir uns kurz darauf von diesen freundlichen Mann
Geschlafen haben wir zum Teil in kleinen Schutzhütten für die Hirten, kaum 2 mal 2 Meter groß, wenig komfortabel. Schwierigste Stelle war die Überquerung eines knapp 5500 m hohen Passes, mit dem Gepäck auf dem Rücken war das eine ziemliche Qual, auf dem Abstieg scheint man dann allerdings zu schweben, mit jedem Schritt kommen die Lebensgeister zurück
Ziel des Treks war Palgram, ein netter Ort mit einer schönen Herberge, leckeres Essen, was uns besonders gut nach den Tütensuppen schmeckte und Relaxen im hauseigenen Garten

Auf der Strasse von Kathmandu nach PokkaraNächstes Ziel war Dharamsala, genauer Mc Leod Ganj, dem indischen Exil des tibetischen Oberhauptes Dalai Lama. Bevor wir zu diesem idyllischen Ort mit seinen freundlichen Menschen gelangten, mußten wir leider wieder einen Zwischenstopp in Jammu einlegen, der diesmal sogar eine Nacht dauerte. Überlebt haben wir es, so konnten wir eine schöne Zeit in der tibetischen Hauptstadt Indiens verleben. Höhepunkt war ein Vortrag des Dalai Lamas, der leider nur ins Französische übersetzt wurde, was leider nicht zu meinen Stärken gehört. Dennoch waren wir von dem Charisma dieses Mannes, der kurze Zeit später mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, stark beeindruckt

Nach einigen Tagen nahmen wir Abschied und machten uns auf nach Varanasi, das wir von Dehli aus mit dem Zug ansteuerten. Schwierigkeiten gabs beim Ticketkauf, den überfüllten Zug zu besteigen, die reservierten Plätze gegen die zahlreichen Mitreisenden ohne Reservierung zu verteidigen, ansonsten wars amüsant. Trotz völligem Chaos war der Zug aber pünktlich!!

Varanasi ist eine lebhafte, stickige Stadt und eine der sieben wichtigsten Stätten des Hinduismus. Zahlreiche heilige Kühe prägen das Stadtbild. Besonders sehenswert sind die Ghats, Treppen, die bis den Ganges reichen. Eine rituelle Waschung im heiligen Fluß ist für Hindus gleichbedeutent mit einer Fahrt nach Mekka für die Muslims oder ein Gebet an der Klagemauer in Jerusalem für die Juden. Eine frühmorgentliche Bootsfahrt auf dem heiligen Fluß vorbei an den Burning-Ghats, Orte, an denen die Toten verbrannt werden, war besonders beeindruckend, in Morgennebel fast mystisch.

Nach der Hektik und den drückenden Temperaturen zog es uns nach Nepal, für jeden Wanderer und Bergfreund wohl ein Traum. Die Anreise war langwierig, mit dem Bus zur Grenze, zu Fuß nach Nepal, eine Nacht in einer grottenschlechten Unterkunft übernachten, am nächsten Morgen wieder den ganzen Tag im Bus, um in den Abendstunden Kathmandu zu erreichen. Hinzu kam, daß Arnd ein paar Magenprobleme hatte und sich öfters neben dem Bus erbrechen mußte, was eine solche Tour natürlich zu einer besonderen Tortour werden läßt.

Markt in KathmanduKathmandu stellte sich zu dieser Zeit Anfang August wie ein Paradies dar. Die Trekkingsaison hatte noch nicht begonnen, so daß relativ wenige Touristen vor Ort waren, die tibetische Lodge "Friendly Home" im Thamel nahe der sogenannten "Freak Street" machte seinem Namen alle Ehre, das Klima war angenehm und das Essen abwechselungsreich und gut.
Kathmandu selbst ist ein einziges Museum, man kan stundenlang durch die verwinkelten Strassen laufen, vorbei an ungezählten kleinen Tempeln und Marktständen. Die Organisation der Trekking Permits war kein Problem und nachdem auch ich eine kleine Magenverstimmung, wahrscheinlich war mein Magen die Fülle an Essen nicht mehr gewohnt, machten wir uns mit dem Bus auf nach Pokkara westlich von Kathmandu. Kinder bewarfen unterwegs den Bus mit frischen Kuhfladen, sehr zur Belustigung der übrigen Mitreisenden wurde ich durch ein offenes Fenster getroffen, Tage später konnte aber auch ich darüber lachen.

Einige Tage später machten wir uns mit leichtem Gepäck, einen großen Teil konnten wir im Hotel zurücklassen, auf den Weg. Ziel war der Jomson-Trek. Das Wandern auf diesem Trek war völlig anders als unsere Tour im indischen Himalaya. Die Wege wurden um diese Jahreszeit hauptsächlich von Einheimischen benutzt, die in Badelatschen mit riesigem Gepäck auf dem Rücken leichtfüssig an einem vorbeischwebten, die Tütensuppen konnten wir beruhigt in Pokkara lassen, weil unterwegs zahlreiche Lodges gutes Essen und preiswerte Unterkunft anboten.

In PatanDie Landschaft war beeindruckend, vorbei an Machhapuchhare, Annapurna, Blicke auf Daulaghiri und Nigleri, die sich leider alle nicht den ganzen Tag zeigten. Das ist auch der Grund, warum die Trekkingsaison erst Anfang September beginnt.
Trotz allem mußten wir nach vier Tagen in Tatopani wegen Ohrenschmerzen umkehren und sind auf leicht verändertem Weg wieder zurück nach Pokkara gewandert. Auch wenn wir uns die Routenführung und -länge ein wenig anders vorgestellt haben, war die Wanderung ein Erlebnis, das ich nicht missen möchte.

Einige Tage erholten wir uns an den Ufern des See bei Pokkara und fuhren zurück nach Kathmandu. In den zwei Wochen unserer Abwesenheit hatte sich die Stadt merklich gefüllt. Reisegruppen prägten das Stadtbild. Nach einigen Radtouren zu den alten Königstädten Patan und Baktapur und gemütlichen Nachmittagen in Restaurants und Cafes mit Blick auf den Durban Square gönnten wir uns den Luxus eines Fluges zurück nach Varanassi, um die Reise von 2 Tagen auf eine Stunde zu verkürzen.

Doch das Chaos, das überscharfe Essen und das drückende Klima hatte jeden Reiz verloren. Wir beschlossen, nur noch einen Stop in Agra beim Taj Mahal zu machen und dann von Dehli den Heimflug anzutreten.
Nach unserer Erfahrung bei unserer ersten Zugfahrt stellte sich die Rückfahrt ein wenig entspannter dar. Wir schliefen so gut, daß wir um ein Haar den Bahnhof von Agra verpassten und nur noch hektisch unsere Sachen aus dem Zug werfen konnten.

Das Taj Mahal, wohl das berühmteste Baudenkmal Indiens, ist atemberaubend schön. Früh morgens waren relativ wenige Touristen vor Ort, wir konnten dieses imposante Bauwerk, das 1631 in 20 jähriger Bauzeit von Mogul Shah Jahan für seine Lieblingsfrau Mumtaz Mahal errichtet wurde, in Ruhe auf uns wirken lassen.
Vor den Toren des Parks kam es dann zu einer etwas unangenehmen Situation. Bei Verhandlungen mit einem Tuk Tuk Fahrer kam es zum Streit, die übrigen Fahrer kamen auch bedenklich nahe, die Situation began unübersichtlich zu werden. Bevor es zu einem Handgemenge kam, konnten wir zum Glück unter wütenden Rufen der Fahrer die Flucht ergreifen. Das war aber in all den Wochen in Indien und Nepal die einzige in unseren Augen brenzlige Situation, die wir erlebten.
Kurz darauf gelang es, ohne Streit ein Tuk Tuk zu chartern und vom Bahnhof gings weiter die paar Kilometer Richtung New Dehli. Dort gelang es uns nach der langen Zeit ohne Nachrichten aus der Heimat ein Süddeutsche Zeitung aufzutreiben, Schlagzeile: Krenz löst Erich Honecker ab, für uns eine überraschende Nachricht. Das entgültige Ende des Arbeiter- und Bauernstaates konnten wir live in Germany erleben, weil wir wenige Tage später die Heimreise antraten.

Fazit: Indien ist kein einfaches Reiseland, man braucht teilweise harte Nerven, um bei der Hitze, dem Elend und Chaos seine Reise vor Ort zu organisieren und zu geniessen. Das fällt manchmal schwer. Da weder Kaschmir mit seiner grandiosen Bergwelt noch das freundliche Tibeterdörfchen Mc Leod Ganj außer der politischen Zugehörigkeit irgendetwas mit Indien zu tun haben, hält sich meine Indienerfahrung in Grenzen, die Fahrten im Land und die besuchten Städte waren interessant und anstrengend. Bei einem längeren Aufenthalt wären wir aber mit Sicherheit nicht in der indischen Tiefebene geblieben.
Nepal dagegen würde ich jedem, der gerne wandert, empfehlen. Chaotisch geht es zum Teil auch zu, aber alles ist relativ leicht zu organisieren und Kathmandu und der Himalaya ist faszinierend.