Reiseberichte aus dem Baltikum
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Da standen wir also nun im Regen in Estland. Obwohl fast alle Häuser mit estischen Flaggen geschmückt waren, wirkte es alles ein wenig trostlos, eine Tasse Kaffee bekamen wir nur in einer Tankstelle. Wie schon in den anderen beiden Ländern wird Kaffee ohne Milch gereicht, will man welche haben, muß man einen Aufpreis bezahlen und bekommt eine Portionspackung deutsche "Kaffeesahne".

Ausgerüstet mit einigen Schokoriegeln legten wir die ersten 50 Kilometer bis Otepää im Regen zurück. Dennoch fiel auf, daß auch kleinere, verkehrsarme Straßen in gutem Zustand sind und es ein hervorragend ausgeschildertes Radwegenetz in Estland gibt. Trotz dieser Vorzüge gibt es angenehmere Dinge, als im strömenden Regen unterwegs zu sein, so waren wir froh, schnell eine nette Unterkunft an einem mückenverseuchten See zu finden. Gerade angekommen klarte es natürlich auf, so konnten wir noch die schöne, aber sehr hügelige Umgebung von Otepää erkunden.

Die Wetterlage am nächsten Tag sah wieder bedrohlich, dennoch erreichten wir trockenen Fußes das nächste Etappenziel Tartu, die alte Universitätsstadt im Osten von Estland. Schokoladentorte und ein köstliches Essen beim Inder, ein ausgiebiger Stadtbummel durch die sehr schöne Stadt und Stöbern in einigen Antiquariaten entlockten Ina den Ausspruch: "Das ist ja fast wie Urlaub". Um dieses Urlaubsgefühl nicht zu stören, setzten wir uns am nächsten Nachmittag in den Zug nach Tallinn.

Als Basislager unserer Unternehmungen in der Hauptstadt wählten wir den 12 Kilometer nördlich gelegenen Campingplatz, wo wir eine sehr kleine, aber teure Hütte mieteten. Über eine ansehnliche Uferpromenade entlang der penetrant stinkenden Ostsee ist man recht zügig in der Stadt. Tallinns Altstadt ist eine liebevoll restaurierte, fast vollständig von der alten Stadtmauer inklusive Türme umgebene mittelalterliche Anlage. Man kann den ganzen Tag durch die kleine, kopfsteingepflasterten verwinkelten Gassen laufen und entdeckt immer wieder neue nette Details. Mittelalterliche Häuser in dieser Anzahl sind wohl ziemlich einmalig, nicht zu Unrecht wurde die Altstadt von der UNESCO als "Erbe der Menschheit" anerkannt.

Natürlich tummeln sich auch dementsprechend viele Touristen in der Stadt, Postkartenverkäufer stehen an jeder Ecke, bei den Geschäften handelt es sich zum größten Teil um Souvenirläden und Cafes, bei vielen Häusern scheinen nur die Fassaden restauriert worden zu sein, d.h. die Häuser sind unbewohnt. Alles wirkt ein wenig künstlich, nach Geschäftsschluß ist alles wie ausgestorben. Dennoch ist Tallinn ein Höhepunkt jeder Estlandreise, zwei Tage kann man gut in dieser Stadt verbringen, ohne das Langeweile aufkommt.

Nach drei Nächten verliessen wir unsere kleine Hütte auf dem Campingplatz und fuhren mit dem Vorstadtzug bis Risipere, von dort mit dem Fahrrad über eine eher langweilige Strecke bis zur Küste nach Haapsalu, einem alten Kurort. Der Zeltplatz ist eher der Garten eines Hauses außerhalb der Stadt, dennoch aufgrund guter sanitärer Einrichtungen, Sauna und kleiner Küche sehr empfehlenswert.

Bei einem Bummel entlang der Promenade entdeckten wir dann den alten Kursaal, in dem man bei der Musik eines Stehgeigers mit Blick aufs Meer speisen konnte. Da der Tag eher öde war, meinten wir, daß wir das verdient hätten und nahmen ein exclusives Mahl zu uns.

Bei strahlendem Sonnenschein setzten wir am nächsten Tag auf die Insel Hiiumaa über und verbrachten dort einen traumhaften Tag. Die Landschaft war abwechselungsreich, es gab viel zu sehen.Am späten Nachmittag nahmen wir die letzte Fähre auf die Insel Saaremaa, weil dort am hafen ein Motel sein sollte. Leider haben wir es nicht gefunden. Zum Glück hatten wir eine Adresse eines nicht so weit entfernten Bed & Breakfast, das wir auch noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichten und auch noch ein Bett frei hatte.

Nach diesem wunderschönen Tag auf Hiiumaa folgte nun der absolute Tiefpunkt auf der Tour. Am nächsten Morgen regnete es in Strömen und es war kalt. Bei Gegenwind kämpften wir uns 70 km über die Insel. Das angepeilte Hotel am Fährhafen zum Festland haben wir diesmal gefunden, leider war es zugenagelt. In letzter Sekunde erreichten wir die Fähre, die Herberge in einer Kneipe auf dem Festland bot leider auch keine Zimmer mehr an. Widerwillig gab man uns aber eine Adresse und dürftige Wegsskizze für eine private Unterkunft. Leider war die Skizze so schlecht, daß wir eine halbe Stunde im stömenden Regen durch die Gegend fuhren, um nichts zu finden. Zurück bei der Kneipe wurde wieder widerwillig ein neuer Plan gezeichnet, der Vermieter angerufen, der uns dann mit dem Auto entgegen kam. So haben wir es dann sogar gefunden. Übernachtet haben wir dann bei einem sehr freundlichen, älteren Ehepaar in einer umgebauten Scheune und konnten im Bett liegend RTL2 gucken, was nach diesem Tag schon als Höhepunkt empfunden wurde.

Natürlich regnete es am nächsten Tag immer noch. Unsere Hoffnung, in einem Bus mitgenommen zu werden, zerplatzte, weil es sich bei dem Bus nach Pärnu nur um einen Minibus handelte. So fuhren wir wieder im Regen, allerdings diesmal bei deutlich günstigeren Windverhältnissen die 80 km bis nach Pärnu, ohne unterwegs ein Cafe zu finden. Die Mittagspause bestand aus einem Schokoriegel stehend unter einen Baum. Dennoch erreichten wir unser Ziel schneller als erwartet, in der Jugendherberge im Fußballstadion durften wir auch übernachten.

Am nächsten Tag nahm uns sogar ein Bus bis zur lettischen Grenze mit, so mußten wir nur ca. 40 km bis zu einen Campingplatz am Meer fahren. Wir waren die einzigen Gäste, auch das Cafe war leider geschlossen. Zum Glück entschieden wir uns für eine kleine Hütte und gegen das Zelten, obwohl das Wetter einen guten Eindruch machte. Am nächsten Morgen - natürlich Regen. Da wir die letzen Kilometer bis Riga sowieso mit dem Zug fahren wollten, blieben nur noch 40 km, das konnte uns nicht mehr so richtig schocken, zumal wir in Riga ein B & B vorgebucht hatten. Zu unserer großen Freude existierte es sogar noch und, noch besser, man erwartete uns auch. Es war äußerst komfortabel, so verbrachten wir erstmal den Nachmittag auf dem Bett, tranken Tee und erfreuten uns an der Tatsache, nun bei Regen nicht mehr Fahrrad fahren zu müssen.

Zwei Tage blieben uns noch in der Hauptstadt Lettlands, bis unsere Fähre nach Lübeck fuhr.

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